Mit Humor gegen die Einsamkeit

Wenn Reiner Weiss seine Spätschicht am Nachmittag beginnt, führt sein erster Weg zu einem großen Schlüsselkasten. Dort hängen die Haus- und Wohnungsschlüssel aller Patienten des Pflegedienstes, für den er arbeitet. Weiss holt Nummer für Nummer die Schlüssel der 15 Menschen heraus, die er heute versorgt. 

Für Weiss geht es um mehr als nur die pflegerischen Aufgaben. Am Ende des Tages will er allen Patienten ein Lächeln ins Gesicht gezaubert haben – das ist sein Anspruch. „Wenn ich komme, bin ich für viele der erste Mensch, den sie an dem Tag sehen“, erzählt Weiss. Einsamkeit sei ein großes Thema bei den älteren Menschen. „Ich versuche, sie zum Lachen zu bringen, ihnen zuzuhören und für sie da zu sein.“

Seit vielen Jahren fährt er mit seinem kleinen Auto durch den Hamburger Stadtteil Barmbek. Die meisten Patienten des Pflegedienstes wohnen hier im Viertel. „Da muss man auch die Sprache der Menschen sprechen. Hier in Barmbek nennt man das ‚Basch'“, erzählt Weiss. Ein historischer Begriff, der die raue, manchmal etwa ruppige Sprache der Barmbeker beschreibt.

Ein Scherz hier, ein Augenzwinkern da

Weiss parkt vor einem großen Gebäude – einem Wohnstift. Ältere Menschen können hier für etwa 500 Euro leben. Gleich drei Patienten versorgt Weiss in dem Haus. Er nennt sie liebevoll seine „drei Musketiere“.

Magdalena Wilsdorf begrüßt Weiss schon an der Wohnungstür mit einem Lachen. Ihr hilft er beim An- und Ausziehen der Stützstrümpfe. Fast täglich kommt er in ihrer kleinen Wohnung vorbei und sieht nach dem Rechten. „Heute verscheißern Sie mich aber nicht. Er verscheißert mich immer“, sagt Wilsdorf und grinst.

Weiss entgegnet, das würde er sich nie erlauben – und man merkt, dass das nicht so ganz stimmt. Ein Scherz hier, ein Augenzwinkern da, das gehört für den passionierten Pfleger dazu. Magdalena Wilsdorf scheint das sehr zu gefallen, sie lacht herzlich.

„Ein wenig die Einsamkeit nehmen“

Eigentlich hatte Reiner Weiss mit Pflege lange Teile seines Lebens nichts am Hut. Er war Kaufmann, vertrieb kugelsichere Fensterscheiben nach Saudi-Arabien. Dann exportierte er Medizinprodukte von Hamburg ins Ausland und kam so mit der Pflege in Kontakt. Schließlich gründete er 1996 seinen eigenen Pflegedienst, den er viele Jahre führte.

Nun aber ist Weiss Rentner und hat seine Firma längst abgegeben. Dennoch fährt der 68-Jährige fast jeden Tag noch raus zu seinen Patienten. Er verdient sich etwas zur Rente dazu. Aber das sei nicht der einzige Grund, wieso er den Job noch mache. „Das lässt einen nicht los, wenn man Menschen ein wenig die Einsamkeit nehmen kann“, sagt Weiss. Außerdem spare er sich so das Fitnessstudio.

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